Die Ibuprofen-Tablette vor der Schicht
Für viele Pflegekräfte gehört die Ibuprofen-Tablette vor der Schicht zum Alltag, um den Tag überhaupt durchzuhalten. Dieses Bild steht am Anfang einer Pilotstudie, in der Beschäftigte einer Pflegeeinrichtung mehrere Wochen lang Exoskelette im Arbeitsalltag trugen.
Fachbeitrag von Prof. Michael Schwertel · 4 Min. Lesezeit · basierend auf Kapitel 6 (Gespräche zur Pilotstudie) des Buchs „Wenn KI einen Körper bekommt“ · Oktober 2026
- Auf einen Blick
- Thema
- Exoskelette im Pflegealltag, Gesundheit der Beschäftigten
- Praxis
- Pilotstudie in einer Pflegeeinrichtung
- Wissenschaft
- Wissenschaftliche Begleitung durch eine Hochschule
- Kernthese
- Der Nutzen liegt in der Gesundheit der Pflegekräfte
Eine Studie, die aus dem Alltag kam
Angestoßen hat die Pilotstudie weder ein Hersteller noch ein Forschungsinstitut, sondern eine Sozialarbeiterin aus dem Betrieblichen Eingliederungsmanagement, also jemand, der Beschäftigte nach langer Krankheit zurück an den Arbeitsplatz begleitet. Sie hat ein Thema ins Studiendesign eingebracht, das mich seitdem nicht loslässt: Wie viel Lebensqualität geht verloren, wenn die Schmerztablette vor der Schicht zum Alltag gehört?
Vor dem Gespräch war ein Exoskelett für mich vor allem eine technische Frage. Danach ist es eine Frage von Zuständigkeiten. Die Krankenkasse ist für die Behandlung da, die Rentenversicherung für die Erkrankten, die Pflegeversicherung für die Pflegebedürftigen. Für den Rücken einer Pflegekraft, die noch nicht krank ist, aber auf dem besten Weg dorthin, fühlt sich niemand richtig verantwortlich. Das Gerät kostet rund 3.500 Euro, eine Frühverrentung ein Vielfaches davon. Trotzdem bleibt es beim Einzelfall.
Was die Forschung sagt, und was nicht
Die Studie wurde von einem Arbeitswissenschaftler konzipiert und ausgewertet. Er hat mir einen Begriff mitgegeben, den ich seitdem nicht mehr loswerde: die ergonomische Zwangshaltung. Ein Teil der Wirkung des Exoskeletts liegt offenbar weniger in der Mechanik als darin, dass es Menschen dazu bringt, um das Bett herumzugehen, statt sich weit darüber zu beugen. Das Gerät erzieht seinen Träger, solange er es trägt. Eine Belastung verschwindet dabei nicht, sie wird umgeleitet, in die Waden und in die Oberschenkel.
Auch eine These, mit der ich selbst gestartet bin, musste ich relativieren: dass Technik in der Pflege Zeit freisetzt, die dann der Zuwendung zugutekommt. Das Bettenmachen mit Exoskelett dauert eher länger, und Waschen, Anziehen oder Vorlagenwechsel dauern so lange, wie sie dauern.
Ein Arbeitstag mit Exoskelett
Eine Pflegefachkraft, die seit mehr als 30 Jahren in der Pflege arbeitet, nahm an der Pilotstudie teil und trägt inzwischen ihr eigenes Exoskelett. Beim Lifter nimmt sie sich die drei Minuten, weil es um ihre Gesundheit geht. Und an manchen Tagen lässt sie das Exoskelett im Spind, weil ihr Rücken es nicht mehr braucht.
Das halte ich für das schönste Ergebnis dieser Gespräche. Der Gewinn liegt nicht in gesparten Minuten, sondern in einer Pflegekraft, die nach dreißig Jahren noch im Beruf ist und am nächsten Morgen ohne Schmerzen zur Schicht kommt.
„Das Gerät erzieht seinen Träger, solange er es trägt.“Prof. Michael Schwertel, „Wenn KI einen Körper bekommt“ (Carl Hanser Verlag)
Was bleibt
- Exoskelette entlasten, sparen aber nicht automatisch Zeit.
- Ein Teil der Wirkung entsteht durch bessere Körperhaltung statt durch reine Mechanik.
- Für die Gesundheit von Pflegekräften vor der Erkrankung fehlt oft eine klare Zuständigkeit.
- Selbstbestimmung heißt auch, das Gerät ablegen zu können, wenn man es nicht mehr braucht.
Interview oder Gastbeitrag?
Prof. Michael Schwertel steht für Einordnungen, Statements und Hintergrundgespräche zur Verfügung. Zitate mit Quellenangabe sind willkommen, für Abdruck bitte Rücksprache.