Wer die Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert die Regeln
Im 19. Jahrhundert entschied die Spurweite von Eisenbahnschienen darüber, mit wem ein Land Handel treiben konnte. Standards sind nie nur technisch, sie sind immer auch Macht. Mit Embodied AI beginnt der nächste Wettlauf dieser Art, und er hat längst begonnen.
Fachbeitrag von Prof. Michael Schwertel · 4 Min. Lesezeit · basierend auf Kapitel 7 des Buchs „Wenn KI einen Körper bekommt“ · Oktober 2026
- Auf einen Blick
- Thema
- Geopolitik und technologische Souveränität bei Robotik
- Akteure
- China, USA, Europa, Deutschland als Sonderfall
- Leitfrage
- Wer kontrolliert die Infrastruktur der physischen KI?
- Einstieg im Buch
- Kung-Fu-Roboter in Hangzhou, die ein Bundeskanzler auf einer China-Reise im Frühjahr 2026 sah
Mehr als ein Rennen um den spektakulärsten Roboter
Ein humanoider Roboter ist kein isoliertes Gerät. Er ist ein Knotenpunkt aus Hardware, Sensoren, KI-Modellen, Halbleitern, Batterietechnik und Daten. Wer heute die Infrastruktur dafür aufbaut, setzt morgen die Standards, nach denen produziert, gepflegt und gearbeitet wird. Jede große Technologie hat die Machtverhältnisse zwischen Staaten verschoben: die Dampfmaschine, das Öl, das Internet. Embodied AI ist zugleich physisch und digital und damit in gewissem Sinn größer als ihre Vorgänger.
Drei Strategien
China setzt auf langfristige staatliche Industriepolitik, Massenproduktion und die Geschwindigkeit einer zentral gelenkten Wirtschaft. Dort entwickelt sich derzeit der deutlichste Vorsprung bei industriellen Fertigungskapazitäten für humanoide Robotik. Die USA vertrauen auf Innovationskraft, Risikokapital und Plattformlogik und setzen auf Softwaredominanz, auch das eine Form von Kontrolle. Europa setzt auf Regulierung, Qualitätsstandards und seine Stärke im Maschinenbau, gerät aber zunehmend unter Druck. Deutschland steht dazwischen: mit gewachsenen Stärken in der Fertigung und erkennbaren Schwächen bei der Skalierung.
Eine Frage nationaler Sicherheit
Abhängigkeiten entstehen nicht mehr nur bei Energie und Rohstoffen, sondern bei Robotern, den KI-Modellen, die sie steuern, und der Infrastruktur, auf der beides läuft. Wer das unterschätzt, riskiert, die Handlungsfähigkeit der nächsten Dekade abzugeben. Embodied AI wird zur Infrastruktur von Logistik, Gesundheitsversorgung, Energie, Produktion und Verteidigung.
Souveränität heißt Handlungsfähigkeit
Europa und Deutschland müssen nicht in allen Technologien autark sein. Arbeitsteilung bleibt rational. Entscheidend ist, bei den wichtigsten Basistechnologien im Krisenfall unabhängig handeln zu können und zu wissen, wo die eigene Kompetenz endet. Das reicht über Wirtschaftspolitik hinaus: Gesellschaften, die ihre Infrastruktur verstehen und kontrollieren, entscheiden selbst, nach welchen Regeln Maschinen in ihrem Alltag wirken. Technologische Souveränität ist damit auch demokratische Gestaltungshoheit.
Auch Regeln sind Standortpolitik. Europa exportiert mit seiner Regulierung nicht nur Produkte, sondern Regeln. Ob europäische Standards ähnlich wie die Datenschutz-Grundverordnung zum informellen Maßstab werden, lässt sich heute noch nicht beurteilen.
„Wer heute die Infrastruktur der Embodied AI aufbaut, gestaltet morgen die Regeln unserer Wirtschaft, unserer Gesellschaft und unseres Zusammenlebens.“Prof. Michael Schwertel, „Wenn KI einen Körper bekommt“ (Carl Hanser Verlag)
Was bleibt
- Standards sind ein besonders wirksames Machtinstrument: Offene Standards reduzieren Abhängigkeiten, proprietäre Plattformen erzeugen Ökosysteme mit hohen Ausstiegskosten.
- Der Wettlauf entscheidet sich an Infrastruktur, nicht an einzelnen Robotern.
- Europa steht vor einer Richtungsentscheidung zwischen eigener Technologie und dauerhafter Abhängigkeit.
Interview oder Gastbeitrag?
Prof. Michael Schwertel steht für Einordnungen, Statements und Hintergrundgespräche zur Verfügung. Zitate mit Quellenangabe sind willkommen, für Abdruck bitte Rücksprache.