Wird KI meinen Job ersetzen? Die Frage ist falsch gestellt
Die Frage kommt beim Abendessen, im Kollegenkreis und fast immer nach Vorträgen über KI: Wird KI meinen Job ersetzen? Sie ist verständlich und verdient eine ehrliche Antwort. Doch sie trifft selten den Kern dessen, was gerade passiert.
Fachbeitrag von Prof. Michael Schwertel · 5 Min. Lesezeit · basierend auf Kapitel 6 des Buchs „Wenn KI einen Körper bekommt“ · Oktober 2026
- Auf einen Blick
- Thema
- Arbeitsmarkt, Automatisierung, neue Berufsbilder
- Unterschied zu früher
- Embodied AI verändert körperliche Arbeit und Wissensarbeit parallel
- Gesprächspartner im Buch
- u. a. ein Kenner des regionalen Mittelstands
- Kernthese
- Der Konflikt liegt zwischen Technologietempo und Anpassungsfähigkeit der Institutionen
Die ehrliche Antwort
Sie lautet: Ja, viele Tätigkeiten werden verschwinden. Ja, viele neue entstehen. Aber nein, nicht jeder profitiert automatisch. Ganze Berufe verschwinden selten über Nacht. Häufiger verschiebt sich innerhalb eines Berufs, welche Aufgaben ein Mensch und welche eine Maschine übernimmt. Die meisten Berufe sind ohnehin ein Mix aus kreativen, analytischen, körperlichen, sozialen und organisatorischen Aufgaben. Dieser Mix verändert sich Stück für Stück.
Dass die Antwort so selten offen gegeben wird, hat einen Grund: Politik will keine Angst erzeugen, Unternehmen wollen Investoren Optimismus vermitteln, Gewerkschaften warnen, Medien berichten lieber über Extreme als über Zwischentöne.
Was diesmal anders ist
Computer haben vor allem Informationsarbeit automatisiert. Embodied AI kommt hinzu und automatisiert körperliche Arbeit. Erstmals geraten damit nahezu alle Branchen gleichzeitig unter Veränderungsdruck. Die Kassiererin trifft es ebenso wie die Buchhalterin, den Lagerarbeiter wie die Architektin.
Der eigentliche Konflikt verläuft deshalb nicht zwischen Mensch und Maschine, sondern zwischen dem Tempo der Technologie und der Anpassungsfähigkeit von Wirtschaft, Bildung und Politik. Institutionen verändern sich in aller Regel deutlich langsamer als die Technik.
Der Blick aus dem Mittelstand
Ein Gesprächspartner, der viele mittelständische Unternehmen seiner Region kennt, bremst den Hype. Einen Turbo, bei dem sich die Landschaft über Nacht verändert, sieht er nicht. Fahrerlose Transportsysteme und Roboter in der Montage seien seit Jahren Standard. Humanoide Roboter überschätze die öffentliche Debatte: Die Hand eines Humanoiden werde noch lange nicht annähernd leisten, was eine menschliche Hand kann. Und weil sie umfallen und Menschen verletzen können, müssten sie in der Zusammenarbeit extrem langsam arbeiten, was sie unattraktiv macht.
Sein Rat an Betriebe: mit Augenmaß automatisieren, denn am Ende muss es sich rechnen. Automatisierung um der Automatisierung willen mache keinen Sinn. Ehrlich fällt auch sein Blick auf Umschulung aus: Wer jahrelang ein Teil in eine Maschine eingelegt hat, wird nach der Automatisierung nicht automatisch Instandhalter oder KI-Programmierer.
Neue Berufsbilder
Wer 2005 Influencer als Berufswunsch genannt hätte, hätte ein langes Gespräch vor sich gehabt. Ähnlich entstehen jetzt Rollen rund um intelligente Roboter: der Robot Trainer, der Maschinen Fähigkeiten beibringt, indem er Trainingssituationen entwirft und Fehlverhalten bewertet, ebenso KI-Ethiker und Human-in-the-Loop-Manager. Der Mensch verschwindet nicht aus dem Prozess, seine Rolle verändert sich.
Auch der Fachkräftemangel verschwindet nicht von allein. In alternden Gesellschaften fehlen schon heute Arbeitskräfte in Pflege, Logistik, Industrie und Handwerk. Roboter übernehmen dort oft weniger Ersatz als Ergänzung.
Die besseren Fragen
Statt „Nimmt mir die KI meinen Arbeitsplatz weg?“ lohnen sich drei andere Fragen: Welche Aufgaben kann ich künftig besser erledigen als intelligente Maschinen? Wie arbeite ich mit KI und Robotern zusammen, statt gegen sie anzutreten? Und welche Fähigkeiten bleiben langfristig menschlich, ganz gleich, wie weit die Technologie kommt?
„KI ersetzt nicht den Menschen als Ganzes. Sie verschiebt die Grenze dessen, was Menschen noch selbst erledigen müssen.“Prof. Michael Schwertel, „Wenn KI einen Körper bekommt“ (Carl Hanser Verlag)
Was bleibt
- Nicht ganze Berufe verschwinden zuerst, sondern einzelne Tätigkeiten innerhalb von Berufen.
- Erstmals werden körperliche Arbeit und Wissensarbeit gleichzeitig automatisiert.
- Humanoide Roboter sind in der Zusammenarbeit mit Menschen vor allem aus Sicherheitsgründen langsam.
- Wichtiger als die Jobfrage ist die Frage nach Weiterbildung und Anpassungsfähigkeit der Institutionen.
Interview oder Gastbeitrag?
Prof. Michael Schwertel steht für Einordnungen, Statements und Hintergrundgespräche zur Verfügung. Zitate mit Quellenangabe sind willkommen, für Abdruck bitte Rücksprache.